Klinikalltag #5

Die letzte Woche war eine schwierige Woche für mich. Der schwarze Hund kam wieder mit voller Wucht angesprungen und hat mich Tag für Tag doller auf den Boden gedrückt. Momentan ist wieder jeder Tag ein Kampf. Ein anstrengender Kampf. Abends habe ich das Gefühl, einen Marathon gelaufen zu sein. Aber ich weiß auch, dass das zu meiner Therapie dazu gehört. Denn gerade in der letzten Woche haben meine Therapeutin und ich ziemlich tief in meiner Vergangenheit gegraben. Es wurden Wörter ausgesprochen und aufgeschrieben, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie auf mich zutreffen. Sie hat mir all das Fehlverhalten des Narzissten aufgezeigt und doch richtet sich momentan noch mein ganzer Zorn auf mich selber. Warum hab ich das mit mir machen lassen? Warum habe ich nicht rechtzeitig „nein“ gesagt? All diese Fragen schwirren in meinem Kopf herum und machen mich fertig. Denn all das, was für mich die letzten Jahre wichtig war, bröckelt nun ganz langsam vor sich hin und ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich all den Schutt vor mir liegen sehe und mir eingehen stehen muss, das es ein Ende hat. Doch Tag für Tag meldet sich in mir dieses kleine Ding, das noch so sehnsüchtig an all diesen Dingen festhält. Das noch nicht loslassen kann. Aber es ist schön und tut mir gut, dass meine Therapeutin mir keinen Druck macht. Mich nicht zu einer Entscheidung drängt, sondern mir alles offen lässt.

Aber die Woche hatte auch ein sehr schönes Ereignis. Am Freitag hat meine Schwester ihre große Liebe geheiratet. Im Vorfeld hat das all die alten Wunden aufgerissen und es schmerzte. Es schmerzte daran zu denken, wie sie wieder im Mittelpunkt stehen würde. Es schmerzte zu sehen, was sie alles hat und ich nicht. Je näher der Tag rückte, umso schlechter ging es mir und ich machte mich schon für den Tag auf das Schlimmste gefasst. Doch es passierte genau das Gegenteil. Ich konnte den Tag genießen. Es war okay, dass sie im Mittelpunkt stand und ich war einfach nur stolz darauf, diesen Tag so nah an ihrer Seite verbringen zu dürfen. Jetzt beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt und sie hat nun ihre eigene kleine Familie. Dabei haben sie und ich doch gerade erst Telefone aus Joghurtbechern gebaut… Ich weiß, dass irgendwann diese Zeit auch für mich anbrechen wird. Aber bis dahin muss ich erst einmal lernen, mich selbst zu lieben und mit mir alleine sein zu können.

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